Persons with disabilities are NOT excluded from ....

"the general education system on the basis of disability, and that children with disabilities are not excluded from free and compulsory primary education, or from secondary education, on the basis of disability"
Article 24 CONVENTION ON THE RIGHTS OF PERSONS WITH DISABILITIES

Meine Tochter hat keine Schule mehr

Brüssel (kobinet) Nach dem Ausschluss des neunjährigen Lucas Katsioulis von der Europäischen Schule in Brüssel aufgrund dessen Behinderung berichten nun weitere Eltern aus Brüssel über ihre Erfahrungen mit dem Ausschluss ihrer behinderten Kinder aus dem allgemeinen Schulwesen. Familie Hauck berichtet beispielsweise über Probleme an der internationalen Deutschen Schule in Brüssel, die Wasilios Katsioulis den kobinet-nachrichten zugeleitet haben. moh 

Erfahrungsbericht von Familie Hauck 

Als Mutter von drei Kindern wohne ich mit meinem Mann und unseren drei Kindern seit 2007 in Belgien. Die Kinder besuchen seit dieser Zeit die internationale Deutsche Schule Brüssel (iDSB). Michelle, unsere Zweite, leidet an Selektivem Mutismus. Das ist eine Angststörung, bei der sich das Kind nicht traut mit fremden Menschen zu sprechen. Um zu verhindern, dass das Kind als bockig oder dumm abgestempelt würde, versuchte ich von Anfang an den Lehrern Hilfestellung im Umgang mit Mutisten zu geben. Erst nach ca sechs Monaten kam endlich ein Gespräch mit allen Lehrern zustande. Informationsemails an die Lehrer wurden durch den Schulleiter ausdrücklich untersagt. Erst nach Vorlage eines Gutachtens zum selektivem Mutismus und der von uns eingeschalteten Prüfungsbeauftragten der Kultusministerkonferenz konnten wir eine Mindergewichtung mündlicher Noten und die Aufnahme in den gymnasialen Zweig der iDSB durchsetzen, die uns zuvor durch den Schulleiter verweigert worden war. Dennoch führte der Schulleiter die Aufnahme nur unter Vorbehalt durch. 

Mit dem Übergang in die 5. Klasse begannen dann die eigentlichen Schwierigkeiten: Die Klassenlehrerin schloss Michelle gleich zu Beginn von einer Klassenfahrt und von der Wahl zur Klassensprecherin aus und begründete dies mit Sicherheits- und gesundheitlichen Bedenken. Diese diskriminierende Entscheidung wurde durch den Schulleiter bestätigt. 

Als ich Michelle im September 2008 zu einem Arzttermin von der Schule abholte, wurde mir ihre Herausgabe von einem Lehrer, der sich auf die Anordnung des Schulleiters berief, zunächst verweigert. Da es sich dabei um Freiheitsberaubung gehandelt hätte, konnte ich ihn letztlich überzeugen, uns gehen zu lassen. Michelle wurde anschließend durch einen Arzt für eine Woche vom Schulbesuch befreit. 

Obwohl der Schulleiter kein Arzt ist, versuchte er wiederholt vergeblich eine psychologisch/psychiatrische Behandlung als externe Therapie vorzuschreiben, obwohl der Gutachter eine ganz andere Behandlungsmethode empfohlen hatte. Zur Teilnahme an dieser Therapie stellte der Schulleiter Michelle regelmäßig vom Unterricht frei. Dennoch meldete uns die Schule nach ca. sechs Monaten beim hiesigen Jugendamt mit dem Vorwurf, wir würden unserer Tochter die ihrer Meinung nach erforderliche Therapie verweigern. Da wir jedoch regelmäßig und mit Erfolg an der von unserem Gutachter empfohlenen Therapie teilnahmen, konnte das Jugendamt an unserem Vorgehen nichts falsches feststellen und stellte das von der Schule diskriminierenderweise angestrengte Verfahren sofort ein. Ich frage mich wie es Lehrern zustehen kann, sich über die Expertenmeinung einfach so hinwegzusetzen? 

Da sich Michelle weigerte, an einer allgemeinen schulärztlichen Untersuchung teilzunehmen, wurden wir aufgefordert, ein Attest bis spätestens nach den Osterferien vorzulegen. Zusätzlich wurde meiner behinderten Tochter auch mit Schulausschluss gedroht. Wir beugten uns daher dem erneuten Druck der Schule und ließen Michelle von einem Arzt untersuchen. Rechtzeitig vor Schulbeginn gab mein Mann das Attest im Vorzimmer des Schulleiters persönlich ab. Zu dieser Zeit wartete der Schulleiter jedoch bereits vor dem Klassenzimmer von Michelle, verbot ihr das Betreten des Klassenzimmers und befragte sie nach dem Attest. Da Michelle auf das Verhör des Schulleiters mit einem für Mutisten typischen Verhalten, durch Wegdrehen und nicht-antworten, reagierte, wurde ihr dies im späteren Schulausschlussverfahren als vorsätzliches, bewusstes und schuldhaftes Verhalten vorgeworfen. Für seine Rückkehr ins Direktorat beauftragte er eine Lehrkraft sicherzustellen, dass Michelle nicht ins Klassenzimmer gelangte. Wie dies auf ein 10-jähriges Kind mit Angststörung wirken muss, brauche ich hier nicht weiter auszuführen. Meines Erachtens grenzt dieses Verhalten schon an Körperverletzung. Aufgrund des vorliegenden Attestes durfte Michelle dann aber zunächst weiterhin am Unterricht teilnehmen. 

Immer wieder wurde Druck gegen uns Eltern oder gegen Michelle aufgebaut. Eine Lehrerin schrie Michelle an, entschuldigte sich kurz darauf bei der ganzen Klasse, die sich mit meiner Tochter solidarisiert hatte und behauptete sogar, dies sei Teil der Therapie. Danach folgten wiederholt Bezeichnungen wie Sturkopf und negatives Herausstellen. Von Seite der Schulleitung wurden wir Eltern dann immer wieder gefragt, ob denn diese Deutsche Schule die richtige für Michelle sei und ob sie sich "hier wohlfühle?". Da Michelle bei ihren Klassenkameraden sehr beliebt ist und sie überwiegend trotz der Geschehnisse gerne in die Schule ging, gab es für uns Eltern keine Veranlassung sie von uns aus der Schule zu nehmen. 

Wir mussten sogar eine Rechtsanwältin einschalten, die uns bei der Aufhebung eines zwischenzeitlich verhängten Hausverbotes helfen sollte und die Rechtmäßigkeit der Schuluntersuchung prüfen sollte. Unmittelbar nach Beauftragung der Rechtsanwältin wurde durch den Schulleiter allen Mitarbeitern der Schule ein Kontaktverbot zu uns ausgesprochen. Daher verweigerte uns der Psychologisch-Pädagogische Dienst der Schule bis heute Auskunft/Einblick in die Gesprächsprotokolle unserer Gespräche, die wir seit Schuljahresbeginn regelmäßig geführt hatten. Offensichtlich war, dass Michelle in den Fächern, in denen sie Angst vor Lehrern hatte, ihre Leistungen deutlich nach unten, bis hin zur Versetzungsgefährdung, gingen. Kontaktaufnahmen versuchten wir mit den betroffenen Fachlehrern direkt, aber auch über die Klassenlehrerin und auch über den Psychologisch-Pädagogischen Dienst. Erst nach mehreren Wochen erhielten wir zumindest eine einzige Rückmeldung eines Fachlehrers.. 

Da wir Michelle trotz des auf uns lastenden Drucks nicht von der Schule nahmen, wurde plötzlich der Schulvertrag durch den Schulleiter und den Schulträger der Deutschen Schule gekündigt. Das typische Verhalten für Mutisten wurde dazu zur Aufhebung des Schulvertrags herangezogen. Dabei stellte der Schulleiter Michelle's mutistisches Verhalten als "vorsätzlich, bewusst und schuldhaft", dar. Dass er selbst die Erstellung eines Gutachtens zu selektivem Mutismus angefordert hatte, dieses ihm vorliegt, erwähnte er im Kündigungsschreiben allerdings mit keinem Wort. Eine andere Begründung für diesen Rauswurf als die Ausprägungen der Behinderung unserer Tochter fiel der Schule allerdings nicht ein. 
Wir beschwerten uns sofort gegen diesen Schulrauswurf aufgrund der Behinderung. Leider ist der Vorsitzende des Elternbeirates auch gleichzeitig der Präsident des Schulvereins sowie der Präsident des Verwaltungsrates. Damit liegt Elternvertretung und die Schulträgerschaft der Privatschule in ein und der selben Hand. Schliesslich hat die Schule auch unsere Beschwerde abgewiesen, der Schulrauswurf wegen Michelles Behinderung sei rechtens. 

Die von uns eingeschalteten deutschen Behörden erklärten uns sie seien nicht zuständig, obwohl die Schule jährlich durch fast 1 Million Euro deutscher Steuergelder gefördert wird, es jedoch keine Handhabe zur Durchsetzung von Verwaltungsanordnungen gibt. Lediglich im Bereich Curriculum und Vergabe deutscher Bildungsabschlüsse hat die Kultusministerkonferenz einen gewissen Einfluss. Ansonsten ist diese als "exzellente" deutsche Auslandsschule anerkannte Privatschule in ihren Entscheidungen vollkommen unabhängig 

Wir haben den Eindruck, dass behinderte Kinder an dieser Schule nicht gerne gesehen werden und mit perfiden Mitteln vertrieben werden: Dies wird durch Druck auf die Eltern und gegen die betroffenen Schüler erreicht. Wenn das nicht ausreicht, wird wie in unserem Fall, auch ein bereits vorhandenes Gutachten einfach unterschlagen und behinderungsbedingtes Verhalten als "schuldhaft, bewusst und vorsätzlich" bezeichnet, sodass man wenigstens ein Alibi für den Rauswurf konstruiert hat. Dass mit der Entlassung aus der Schule auch das Schicksal einer ganzen Familie beeinflusst wird, ein Verbleiben der beiden Geschwister fraglich ist, dass die Familie gegebenenfalls Belgien und damit den Arbeitsplatz verlassen muss, scheint der Schule egal zu sein. Als Alternative für die Beschulung Michelles wurden lediglich Schulen in Deutschland benannt. Wann werden die Schulen endlich aufhören unsere Kinder wegen ihrer Behinderung auszuselektieren?
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

comments:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...